Klimakiller Tiefkühlkost?

Lebensmittel aus der Tiefkühltruhe haben in puncto Klimabilanz keinen guten Ruf. Vor allem die Kühllagerung verschlingt Energie. Aber wie klimaschädlich sind die Produkte wirklich?

Wissenschaftler sind überzeugt, dass verändertes Ernährungsverhalten weltweit eine entscheidende Stellschraube beim Klimawandel ist. Tiefkühlprodukte werden häufig als besonders klimaschädlich wahrgenommen. Gleichzeitig erfreuen sie sich enormer Beliebtheit. Nach Zahlen des Tiefkühlinstituts hat 2018 jeder Bundesbürger 46,5 Kilogramm tiefgekühlte Lebensmittel konsumiert. Auf den ersten Blick fällt vor allem die energieaufwendige Kühllagerung ins Auge, die von der Herstellung über den Handel bis hin zum Verbraucher aufrecht gehalten werden muss. Auch Transport und Verpackung benötigen Energie. Aber ist der CO2-Fußabdruck bei Tiefkühlprodukten deshalb besonders hoch?

Komplexe Analyse

Eine Studie des renommierten Öko-Instituts in Freiburg hat sich im Auftrag des Deutschen Tiefkühlinstituts schon vor einigen Jahren Tiefkühlprodukte genauer angeschaut. Seither gab es keine neuere Studie mit vergleichbarem Aufwand. Wichtig für ein aussagekräftiges Ergebnis war den Wissenschaftlern, den gesamten Produktionsweg eines Lebensmittels zu betrachten. Das heißt, sie haben alle Emissionen an Treibhausgasen bei der Lebensmittelherstellung entlang der gesamten Wertschöpfungskette betrachtet und aufaddiert. Angefangen von der Produktion der Zutaten, der Herstellung und Verpackung über Transport bis hin zur Verteilung in den Einzelhandel. Hinzu kamen die Einkaufsfahrten der Verbraucher, die Aufbewahrung und Zubereitung im Privathaushalt einschließlich Abwasch. Die Wissenschaftler wählten für ihre Studie fünf für den deutschen Markt repräsentative Produktkategorien aus: Backwaren, Komplett-Fertiggerichte, Gemüse, Pizza und Kartoffelerzeugnisse. Die jeweiligen Tiefkühlprodukte haben sie mit anderen Angebotsformen verglichen: ein möglichst ähnliches Produkt aus dem Glas, der Konserve, dem Kühlregal oder selbst zubereitet.

Besser als angenommen

Die Ergebnisse waren überraschend. Die Klimabilanz der berücksichtigten Tiefkühlprodukte unterschied sich nur wenig von den Alternativen. Um zu verstehen, wie das Öko-Institut zu diesem Fazit kommt, muss man die einzelnen Produktionsschritte näher betrachten. Anhand des Vergleichs einer tiefgekühlten Salamipizza mit einer kühl gelagerten und einer selbst zubereiteten Pizza zeigt sich, dass 100 g Tiefkühlpizza insgesamt 556-610 g CO2-Äquivalente verursachen, die gekühlte Pizza 554-590 g und die selbstzubereitete Pizza 569-580 g freisetzen – also durchaus vergleichbare Werte. Dabei erwies sich die Rezeptur als wichtigste Stellschraube: Sie war für 53 Prozent der gesamten Emissionen verantwortlich. Schaut man diesen Wert genauer an, entfallen bei der Tiefkühlpizza rund die Hälfte dieser Treibhausgase auf die Zutat Käse und rund 29 Prozent auf Salami. Weitere Rohwaren wie Mehl oder Tomatenkonzentrat spielen nur eine untergeordnete Rolle.

Auch bei den anderen Produktgruppen kristallisierten sich die Zutaten als die größten Einflussfaktoren auf die Klimabilanz heraus. Immer dann, wenn tierische Produkte zum Einsatz kommen, fällt der Rohwarenanteil an den Emissionen besonders hoch aus.

Einkaufsfahrt schlecht fürs Klima

Das Verhalten der Verbraucher hat den zweitgrößten Einfluss: Einkauf, Lagerung im Haushalt, Zubereitung und Spülen verursachen bei allen Produktkategorien zwischen 31 und 60 Prozent der Treibhausgase. Die Produktion der untersuchten Lebensmittel lag zwischen 4 und 15 und die Verpackung zwischen 3 und 7 Prozent. Die Distribution – also Transport und Lagerung – fällt überraschenderweise nur mit 2 bis 19 Prozent der Gesamt-Emissionen ins Gewicht.

Tiefkühllebensmittel schneiden in puncto Klimaschädlichkeit also weniger schlecht ab, als viele denken. Im Vergleich zu Glas, Konserve, der gekühlten und der selbst zubereiteten Form sind alle Varianten bei den untersuchten Produkten etwa gleich zu bewerten. Allerdings wurden nur verarbeitete Lebensmittel miteinander verglichen. Frisches Gemüse aus Freilandanbau, am besten in Bio-Qualität, schneidet aus Klimasicht natürlich am besten ab. Deutlich wird anhand der Studie aber einmal mehr, dass zahlreiche Faktoren für die Klimabilanz verantwortlich sind. Die Verwendung von tierischen Lebensmitteln und die Fahrt mit dem Auto zum Supermarkt, die Lagerung im heimischen Tiefkühlgerät und die Zubereitung im Backofen haben sich als entscheidende Einflussgrößen herausgestellt. Aufgrund effizienterer Prozesse wirken sich Transport und Lagerung in der Industrie und dem Einzelhandel auf die Klimabilanz deutlich weniger aus, als häufig angenommen.

Das Öko-Institut betont, dass die Studie nicht dazu vorgesehen war, eine vergleichende Aussage zu allgemeinen Umweltvorteilen von Tiefkühlkost abzuleiten. Vielmehr sollte sie mehr Klarheit verschaffen, welche Stellschrauben bei den Angebotsformen aus Klimasicht die größte Rolle spielen und wo Verbesserungsbedarf besteht: beim Hersteller, beim Handel und beim Verbraucher.

Am besten frisch

Saisonal, regional und möglichst unverpackt einkaufen, gilt ohne Frage als die nachhaltigste Alternative. Es spricht aber nichts dagegen, in saisonal angebotsschwachen Monaten den Speiseplan mit Gemüse und Obst aus der Tiefkühlabteilung zu ergänzen, am besten mit reinen Gemüse- und Obstpackungen. Sonst kommen neben weiteren Verarbeitungsschritten bei der Produktion fast unweigerlich zahlreiche Zusatzstoffe, reichlich Fett und Zucker mit ins Spiel. Da die Hersteller über effizientere Kühlgeräte als Privathaushalte verfügen, sollte die Ware zuhause nur etwa 14 Tage gelagert werden. Das heißt, am besten keine großen Vorräte anlegen. Wer Einkaufsfahrten mit dem Auto erledigen muss, macht am besten einmal pro Woche einen Großeinkauf. Positiv wirkt sich zudem ein möglichst hoher Anteil an pflanzlichen Produkten in der täglichen Ernährung aus, selbst wenn diese tiefgefroren sind.

Quelle: Annamaria Göbel, UGBforum 2/2020